
Grünes Methanol gilt als einer der wichtigsten Bausteine für die Defossilisierung von Schifffahrt und Chemieindustrie – bislang jedoch mit einem Haken: Der Prozess braucht Wasser, und ausgerechnet die sonnen- und windreichsten Standorte der Welt haben davon wenig. Eine neue Studie des Forschungszentrums Jülich zeigt nun, dass diese Hürde niedriger liegt als angenommen.
Der Kern der Ergebnisse: Das benötigte Kohlendioxid und das Prozesswasser lassen sich gemeinsam aus der Umgebungsluft gewinnen. Wasserknappheit ist damit kein grundsätzliches Ausschlusskriterium mehr für den Aufbau von Produktionskapazitäten.
Grünes Methanol aus Luft: Was die Jülicher Studie zeigt
Die Forschenden haben mehr als 20.000 Regionen mit Wasserstress untersucht. In rund 97 Prozent davon enthält die Umgebungsluft genug Feuchtigkeit, um den Wasserbedarf der Produktion zu decken.
Damit verschiebt sich eine Debatte, die Power-to-X-Projekte seit Jahren begleitet. Bislang galt die Wasserverfügbarkeit als harte Nebenbedingung bei der Standortwahl, insbesondere in ariden Regionen Nordafrikas, Südamerikas oder des Nahen Ostens.
Technisch beruht das auf der kombinierten Abscheidung von CO2 und Wasser aus der Luft – verwandt mit dem Verfahren Direct Air Capture. Der aus Elektrolyse gewonnene Wasserstoff und das abgeschiedene CO2 werden anschließend zu Methanol synthetisiert.
Interessant ist eine zweite Erkenntnis: Die Luftfeuchtigkeit am Standort ist weniger entscheidend als die Verfügbarkeit von grünem Strom. Laut Jann Weinand, Leiter der Abteilung Integrierte Szenarien der Jülicher Systemanalyse, ist eine ergiebige und möglichst gleichmäßige Stromversorgung für günstige Produktionskosten meist wichtiger als hohe Luftfeuchtigkeit.
Besonders vorteilhaft sind demnach Standorte, an denen sich Wind- und Solarenergie gut ergänzen. Genau dieses Zusammenspiel glättet die Erzeugungsprofile und erhöht die Auslastung teurer Anlagen wie Elektrolyseuren und Luftabscheidern.
Grünes Methanol und die Kostenfrage: Standort schlägt Technologie
Die für das Jahr 2050 projizierten Produktionskosten unterscheiden sich stark. An günstigen Standorten liegen sie bei etwa 540 Euro pro Tonne, in der Hälfte der untersuchten Regionen unter rund 980 Euro, an ungünstigen Standorten über 2.000 Euro.
Für Projektentwickler heißt das: Der Fokus verschiebt sich von der Wasserlogistik hin zur Frage, wie stabil und günstig erneuerbarer Strom über das Jahr verfügbar ist. Speicher, Netzanbindung und flexible Fahrweise der Anlagen werden damit zu den eigentlichen Stellschrauben.
Die Studie nennt unter anderem die USA, Argentinien, Chile, Mauretanien und Marokko als besonders günstige Regionen. Für Unternehmen, die Lieferketten für erneuerbare Kraftstoffe aufbauen, ist das ein handfestes Argument für eine sorgfältige Standortanalyse – wir begleiten solche Fragestellungen als Beratung für Neue Mobilität und Energiewende bei aoty®.
Einordnen sollte man diese Zahlen dennoch nüchtern: Fossil erzeugtes Methanol ist heute deutlich billiger, es wird bislang meist aus Erdgas oder Kohle hergestellt. Grünes Methanol wird also vorerst regulatorische Instrumente, Abnahmeverträge und industrielle Skalierung brauchen, um wettbewerbsfähig zu werden.
Was grünes Methanol für Mobilität und Industrie bedeutet
Methanol ist mehr als ein Kraftstoff. Es steckt in Kunststoffen, Lacken und zahlreichen weiteren Chemieprodukten – und gewinnt zugleich als klimafreundlicher Schiffstreibstoff an Bedeutung.
Hinzu kommt der Energiebedarf der Luftabscheidung selbst. Aus früheren Jülicher Arbeiten zu Direct Air Capture ist bekannt, dass Standort und Wetterbedingungen die Kosten der CO2-Entnahme erheblich beeinflussen – ein Effekt, der sich bei grünem Methanol direkt in den Herstellkosten niederschlägt.
Für Reedereien, Hafenbetreiber und die chemische Industrie erweitert die Studie den Möglichkeitsraum: Projekte müssen nicht mehr zwingend an Küsten mit Meerwasserentsalzung oder an wasserreiche Standorte gebunden sein.
Das Forschungsprojekt wird vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt gefördert und vom Institute of Energy Technologies des Forschungszentrums Jülich koordiniert. Es betrachtet die erneuerbare Methanolherstellung in wasserarmen Regionen ausdrücklich aus einer ganzheitlichen Perspektive.
Wichtig bleibt der Blick auf lokale Nachhaltigkeit: Wer Wasser aus der Luft gewinnt statt aus knappen Grundwasservorkommen, vermeidet Nutzungskonflikte mit Landwirtschaft und Trinkwasserversorgung. Gerade in Exportregionen für grüne Energieträger ist das ein zentrales Akzeptanzkriterium.
Unser Fazit: Grünes Methanol rückt durch die Jülicher Ergebnisse als globale Option ein Stück näher. Entscheidend für die Wirtschaftlichkeit bleiben jedoch günstiger erneuerbarer Strom, eine hohe Anlagenauslastung und belastbare Abnahmeperspektiven – Wasser ist nicht länger der limitierende Faktor.
Für Unternehmen lohnt sich deshalb ein frühzeitiger, datenbasierter Blick auf Standorte, Förderkulissen und Abnahmemärkte. Wer heute Szenarien rechnet, kann morgen schneller in belastbare Verträge für grünes Methanol gehen.
Quellen: Forschungszentrum Jülich · ingenieur.de · Aachener Zeitung · Forschungszentrum Jülich – Direct Air Capture